Stellungnahme zu Bio-Diskussionen über Glaubwürdigkeit und Billig-Bio


Es gab in letzter Zeit mehrere kritische Medienberichte über Bio-Lebensmittel. Sie hatten wenig mit der Wirklichkeit zu tun, was in unserer Medienlandschaft zunächst nicht verwundert, und haben sich an Einzelaspekten und teilweise falschen Behauptungen festgebissen.

1. Bio sei nicht besser Es ist eindeutig durch mehrere Metastudien belegt, die alle Forschungs-ergebnisse von Bio-Studien europaweit untersucht haben, dass Bio einfach besser ist. Mehr Vitamine, mehr Mineralien, weniger Nitrat, mehr Omega-3, usw. Vor allem in Österreich wird diesen Fragen sehr sachlich auch von staatlicher Seite nachgegangen und diese Metastudien führten zu wissenschaftlich relevanten Ergebnissen.

2. Es gibt Unterschiede bei Bio Das stimmt. Natürlich ist die pauschale Aussage Verbands-Bio ist besser als EU-Bio nicht auf jeden Einzelfall anwendbar, aber in der Summe stimmt es. Neben den Richtlinienaspekten ist auch die Verbandstätigkeit durch Informationen, Beratung und Förderung des Austausches unter den Erzeugern ein Beitrag zur Bewusstwerdung der Zusammenhänge. Auch das spiegelt sich in der Qualität der Produkte wider. Hier ist aber auch der erste Punkt, wo wir uns nicht nur über die einseitigen Medienberichte aufregen können, sondern auch in den eigenen Spiegel sehen sollten. Wo pflegen wir die enge Partnerschaft mit regionalen Bio-Bauern, die in Verbänden organisiert sind und wo kaufen wir aus Kostengründen lieber EU-Bio von industriellen Verarbeitern? Wo fördern wir die Kooperation unter den Erzeugern und Verarbeitern und wo setzen wir auf Marktmacht. Wo verschließen wir die Augen und sind still, weil eine andere Haltung uns zum Nachteil gereichen könnte?

3. Besonders gerne werden natürlich die Finger auf kritische Bereiche der Bio-Branche gelegt. Auch wenn es manchmal weh tut, müssen wir uns diesen Fragen stellen. Bio-Gemüse-Folienanbau in Andalusien und Marokko, Bio-Palmöl in Anbau und Verarbeitung, soziale Gerechtigkeit in weltweiten Bio-Projekten. Aber auch z. B. die Geflügelhaltung in unserem Land. Um beim letzten Beispiel zu bleiben, müssen wir hier auch über Entwicklung reden, die für diese Problemfälle nicht förderlich sind. Da ist die Tendenz der Verbraucher, aus teilweise unsinnigen Gründen, Geflügelfleisch zu bevorzugen. Das führt dazu, dass das meistverkaufte Fleischstück in der Biobranche das Putenschnitzel ist, danach kommt Hähnchenbrust. Gleichzeitig gibt es die Tendenz, vor allem von den größeren Marktteilnehmern, diese Bedürfnisse möglichst preiswert zu stillen. Beides führt dazu, dass die Geflügelhaltung auch im Bio-Bereich sich sehr weit von der traditionellen Geflügelhaltung entfernt hat. So gab es nach dem Krieg noch die traditionelle Haltungsform auf fast jedem Bauernhof, wobei die Bestände von 50 – 250 Tieren bereits einen Betriebszweig darstellten. Heute gibt es diese Form nur noch bei einigen Direktvermarktern ohne wirtschaftliche Bedeutung. Für diejenigen, die diese Form der Erzeugung wünschen, müsste auch der Bio-Preis, je nach Produkt , um das 2 - 3-fache steigen. Wer aber die aktuellen Preise akzeptiert, muss auch akzeptieren, dass Erzeugung nur mit mehreren tausend Tieren wirtschaftlich ist, mit entsprechenden industriellen Schlacht- und Verarbeitungsstätten. Wer sich darüber Illusionen macht, wird automatisch erschrecken, wenn er entsprechende Bilder sieht oder auf diese Zusammenhänge stößt.

4. Leider gibt es in der Bio-Branche selbst eine Reihe Marktteilnehmer, die sich aus diesen Betrachtungen verabschiedet haben und ihr Heil in Wachstum, Konkurrenz und vor allem im Wettbewerb mit dem konventionellen Biomarkt suchen. Da in Deutschland Lebensmittel überwiegend über den Preis betrachtet werden, schlägt diese Betrachtung auch auf diesem Weg zur Bio-Branche stärker durch. Deswegen sehen wir immer mehr Händlermarken, die sich überwiegend über Menge und Preis definieren und in der Regel nur von industriellen Firmen bedient werden können.

Es wird zunehmend von der Öffentlichkeit hinter diese Kulissen geblickt und dass da einige Illusionen platzen müssen, ist verständlich. Aber es werden auch berechtigte Fragen zunehmen bezüglich industrieller Produktion, Großschlachthöfen für Bio-Tiere, zentrale Lager mit entsprechenden Transporten, hierarchische Machtstrukturen und Konkurrenz statt Kooperation und vieles mehr. Dann werden Sonntagsreden von Umweltschutz und Gemeinwohlökonomie nicht mehr ausreichen.

Grüße aus dem Chiemgau

Richard J. Müller